Drei Perspektiven zum Tag der älteren Generation

Eintritt in die Rente ab einem bestimmten Lebensalter? Das ist obsolet. Der Begriff Senior kann auch nicht an einem bestimmten Alter fest gemacht werden, so der Einklang dreier Coesfelder unterschiedlicher Couleur. Ingo Niehues (Jugendamtselternbeirat), Ulrich Müller (Kreishandwerkerschaft) und Manfred Holters (SeniorenNetzwerk) beantworteten vier Fragen zum internationalen Tag der älteren Generation aus ihren Sichtweisen.

Anmerkung der Redaktion: Wegen der Osterfeiertage wurden die Fragen per E-Mail an die Ansprechpartner versendet und die Rückantworten nebeneinander gestellt.

Manfred Holters
Vorsitzender des
SeniorenNetzwerks
Coesfeld

“Der Begriff Senior als älterer Mensch hat sich mit der daraus folgenden negativen Bewertung in Literatur, Bevölkerung und Werbung durchgesetzt.”

Ab wann gehört ein Mensch zu den Senioren?

Senior ist weder eine Frage des Alters, und erst recht nicht die Frage eines bestimmten Datums. Senior ist man dann, wenn man kein Junior mehr ist. Das ist im Sport schon sehr früh und kann im Beruf auch schon recht früh zutreffen. Senior zu sein hat folglich nicht zwangsläufig etwas mit älteren Menschen, Rentnern, Pension, Altersversorgung, Krankheit zu tun. Senior zu sein, vermittelt eher ein Gefühl von Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und auch Freiheit.

„Senior? Nein, so alt bin ich noch nicht!“. Diese Vorstellung widerspricht eigentlich der eigenen Lebenserfahrung. Leider hat sich der Begriff Senior als älterer Mensch mit der daraus folgenden negativen Bewertung in Literatur, Bevölkerung und Werbung durchgesetzt.

Welche Rolle übernimmt heute die ältere Generation in der Gesellschaft?

Die ältere Generation übernimmt einen Großteil der Aufgaben, die sich durch Änderung der sozialen Strukturen (z.B. kleinere Familien, Kinder, wenn überhaupt vorhanden, wohnen nicht mehr am Ort) und dem demographischen Wandel ergeben.

All diese Aufgaben werden ehrenamtlich übernommen. Eine nicht wegzudenkende Stütze des Gemeinwesens.

Welche Wünsche/Forderungen hat die ältere Generation an die jüngere?

Keine Forderung, aber der Wunsch, der jüngeren Generation als Teil ihrer Bildung zu vermitteln, dass

– die Zahl der älteren Personen im eigenen und erweiterten Umfeld zunehmen,

– sich dadurch auch ihr eigenes Aktionsfeld verändert,

– Verständnis für die Lebensgewohnheiten der Älteren geschaffen wird,

– sie auf die Nutzung der Stärken der „Senioren“ nicht verzichten kann.

Aber dieser Wunsch ist wechselseitig.

Ist das starre Renteneintrittsalter noch zeitgemäß?

Nein, auf keinen Fall. Richtig wäre ein, dem Leistungsvermögen des Einzelnen angepasster Übergang von voller beruflicher Belastung, über reduzierte berufliche Tätigkeit, zu entgeltlichen und unentgeltlichen Beschäftigungen nach der Berufszeit.

Der Weg dahin ist lang und schwierig, da ihm gewachsene Strukturen entgegenstehen. Aber Anfänge werden ja unternommen.


Datenquelle für die Grafik

Visualisierung des freiwilligen Engagements in Deutschland: “Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014”. Hrsg.: Dr. Julia Simonson, Dr. Claudia Vogel und Prof. Clemens Tesch-Römer; Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA)
Berlin, Deutschland. Springer VS 2017. Grafische Umsetzung hlm

Ulrich Müller
Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft
Coesfeld

“Die Festlegung auf eine Altersgrenze ist sehr fließend, da sich dies weniger am Lebensalter, als mehr an der Erfahrung festmachen lässt.”

Ab wann gehört ein Mensch zu den Senioren?

Aus Sicht der Wirtschaft ist der Begriff Senior, anders als die Frage zu vermuten lässt, durchaus positiv besetzt. Spätestens unter Hinzuziehung englischer/amerikanischer Titel/Funktionsbezeichnungen (Senior-Manager) wird dies deutlich. Daher ist auch die Festlegung auf eine Altersgrenze sehr fließend, da sich dies weniger am Lebensalter, als mehr an der Erfahrung festmachen lässt. So kann man feststellen, dass Senior-Partner 50 Jahre oder auch noch über 70 Jahre sein können. Wichtiger ist die Frage der Rolle, der Aufgabe und auch der Leistungsfähigkeit. Im Unternehmen ebenso wie in der Gesellschaft. Dabei ist die Erfahrung eine wesentliche Eigenschaft. Hinzu tritt die Fähigkeit jüngere/junge Menschen so anzuleiten und einzubeziehen, dass sich für beide Seiten, sowie für die Zielerreichung positive Synergien ergeben. Dabei sollte der jüngere Mensch die Erfahrung akzeptieren und der ältere Mensch Gedanken und Ideen akzeptieren und annehmen. Wir stellen immer dann Konflikte fest, wenn ein Partner dies nicht angemessen berücksichtigt.

Welche Rolle übernimmt heute die ältere Generation in der Gesellschaft?

Ältere Menschen sind heute, so der Eindruck, leistungsfähiger aber auch lernfähiger und lernbereiter. Somit können sie in vielen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft wertvolle Aufgaben übernehmen. Insbesondere auch ehrenamtliches Engagement ist eine wichtige und unverzichtbare Stütze in der Gesellschaft. Gerade im Handwerk und besonders auch im Münsterland ist ehrenamtliches Engagement, auch schon in jüngeren Jahren, sehr verbreitet. Dieser persönliche Einsatz ist sicher ein wichtiger Baustein für die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität unserer Region.

Welche Wünsche/Forderungen hat das Handwerk an die ältere Generation?

Die Bereitschaft junger Menschen sich zu engagieren und auch sich selbstständig zu machen scheint rückläufig zu sein. Für das Handwerk im Münsterland ist zu wünschen, dass erfahrene Unternehmer und junge Menschen kooperative Wege finden, um leistungsstarke Unternehmen gemeinsam in die Zukunft zu führen und Arbeitsplätze sichern. Dabei gilt es tragfähige Konzepte zu entwickeln die, unterstützte durch die Erfahrung der Senioren, neue Wege gehen. Es ist wichtig, dass die Bedingungen für eine Fortführung motivierend sind und die Belastung und das Risiko kontrollierbar bleiben. Das kann gemeinsam entwickelt werden. Hierzu bieten wir entsprechende Unterstützung und Begleitung an, um den Prozess nachhaltig zu gestalten. Im kooperativen Miteinander kann dann auch der Eintritt in den Ruhestand fließend erfolgen. Eine starre Beendigung des Arbeitslebens wäre hierfür möglicherweise kontraproduktiv.

Ist das starre Renteneintrittsalter noch zeitgemäß?

Der Renteneintritt bietet bereits seit Jahren genügend Anlass zu Diskussion. Einerseits gibt es zahlreiche Berufe mit körperlicher Belastung. Andererseits hat sich die Schulzeit, sowie weitere Ausbildungszeiten deutlich ausgedehnt. Ich halte ein System für bedenkenswert, dass sich nicht am Lebensalter, sondern an den Rentenbeitragszeiten orientiert. Wir stehen derzeit an einer Schwelle, die sich erheblich auf das Berufsleben auswirken wird. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche und somit auch der Berufsbilder, die Substitution von Arbeitskraft durch Maschinen und Roboter wird zahlreiche Berufsbilder verändern. Dies, auch in Verbindung mit längeren Schul-, Studium- und Ausbildungszeiten, kann in Teilen auch zur Folge haben, dass Menschen auch im höherem Alter noch sehr produktiv sein können. Ein Konzept gebunden an Rentenbeitragsjahren könnte es ermöglichen, dass Menschen mit körperlicher Arbeit früher entlastet werden, aber dort wo es möglich und sinnvoll ist die Erfahrung ältere Menschen produktiv genutzt werden kann.

Ingo Niehues
Vorsitzender des Jugendamtselternbeirat Coesfeld

“Die ältere Generation ist in unserer Gesellschaft unsere
Wissens- und Gewissensreserve.”

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Ab wann gehört ein Mensch zu den Senioren?

Das hängt stark vom Betrachtungswinkel ab. Ich bin jetzt 36 Jahre alt und würde Menschen, die in den Ruhestand gehen, als Senioren bezeichnen. Stellen Sie mir die gleiche Frage in 30 Jahren, würde ich wahrscheinlich anders antworten.

Welche Rolle übernimmt heute die ältere Generation in der Gesellschaft?

Die ältere Generation ist in unserer Gesellschaft unsere Wissens- und Gewissensreserve. Ich habe es immer als sehr positiv empfunden, von Erfahrungen älter Kolleginnen und Kollegen und von meinen Eltern zu profitieren. Gleichzeitig bin ich auch schon auf Skepsis der älteren Generation gegenüber den jüngeren Generationen gestoßen, die ich als nicht förderlich empfand. Gegenseitiger Respekt und Anerkennung sind der Schlüssel für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft.

Welche Wünsche/Forderungen hat die jüngere Generation an die ältere?

Das ist eine gute Frage. Und eine sehr Individuelle. Mir ist es wichtig, dass ich das Gefühl bekomme ernst genommen zu werden und Vertrauen geschenkt zu bekommen. Das gilt natürlich genauso in die andere Richtung. Wichtig ist mir, dass auch die ältere Generation mit Zuversicht auf die Aufgaben einer sich im Wandel befindenden Welt blickt. Dabei darf man natürlich die notwendige Skepsis nicht vernachlässigen. Ein gesundes Gleichgewicht hilft unserer Gesellschaft die bevorstehenden Aufgaben zu meistern.

Ist das starre Renteneintrittsalter noch zeitgemäß?

Aus meiner Sicht ist es das nicht. Es gibt Berufe, die ein wesentlich höheres Maß an körperlicher und psychischer Belastung aufweisen, als andere Berufe. Ich würde mir wünschen, dass etwa Krankenschwestern und -pfleger ein früheres Renteneintrittsalter bekommen als Bedienstete im öffentlichen Dienst. Wir müssen als Gesellschaft eine faire Lösung finden. Das wird viel Diskussion und vielleicht auch Streit erfordern, aber letztendlich werden wir davon profitieren.


Datenquelle für die Grafik

Dr. Katharina Mahne, Dr. Julia Katharina Wolff, Dr. Julia Simonson und Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer [Hrsg.]: Altern im Wandel. Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin. Springer VS, 2017. Datenvisualisierung hlm.